„Kunst- und Ergotherapie“ – Schlussbericht

Projektverlauf
(Mitte Februar bis Anfang Oktober 2016)

Das Angebot der Kunst- und Ergotherapie sollte vor allem jungen Flüchtlingen in den Erstaufnameeinrichtungen und Clearingstellen die Möglichkeit bieten, ihre traumatisierenden Erfahrungen zu verarbeiten. Nach zwei Informationsnachmittagen lief das Projekt im März etwas schleppend an. Vor allem sollten Mädchen angesprochen werden. Die Teilnehmer wechselten häufig. In den Clearingeinrichtungen gab es mittlerweile viele Möglichkeiten, durch spezielle Angebote die traumatisierten jungen Menschen aufzufangen. Erschwerend kam die allgemeine Situation im Flüchtlingsbereich hinzu. Die Einreisezahlen sanken rapide, Einrichtungen wurden verkleinert oder ganz geschlossen. Dennoch wurde das Angebot von einigen Flüchtlingen, ausnahmslos männlichen, dankbar angenommen.

In den ersten Monaten ist es gelungen, die Jugendlichen ins „schöpferische Tun und Machen“ zu bringen. Sie fanden ohne Sprache einen künstlerischen Ausdruck für ihre Emotionen und Anliegen, was die Jungs psychisch stärkte. Im Kontakt mit anderen umF und dem Team konnten sie „ankommen“ und sich orientieren. Aber: Die Suche nach Identität ging weiter. Die innere Zerrissenheit, innere Konflikte und starke Spannungen zwischen den Kulturen waren sichtbar und wurden vom Team hautnah erlebt.

Verlusterfahrungen, Heimat, Heimweh, Familie, Rolle in der Gesellschaft, Verunsicherung, Identitätsfindung und der Wunsch nach Frieden und einem guten Leben wurden ausgedrückt. Das „innere Gefängnis“ der Flüchtlinge und die Selbstwahrnehmung waren Schwerpunkt der therapeutischen Begleitung.

Die Niederschwelligkeit war sehr wichtig. Bei Einzelnen wäre eine anschließende intensivere Begleitung wünschenswert gewesen. Leider nahmen diese das Angebot des „Einzelsettings“ nicht an. Die kulturellen und religiösen Unterschiede erlaubten es vielen männlichen Jugendlichen nicht, sich psychotherapeutisch helfen zu lassen bzw. wissen viele einfach nicht, was Kunsttherapie oder Psychotherapie ist. Vorbehalte, Misstrauen und Missverständnisse (weibliches Team) könnten weitere Faktoren sein. Aber auch Tabuisierung und die hohen Erwartungen der (Rest-) Familie in den Herkunftsländern, an sich selbst und die Erwartungen in Deutschland (Integrationsdruck) zeichneten sich ab.

Die letzte Phase des Projekts war unbeständig. Die Clearingstellen wurden aufgelöst und die Jugendlichen wurden in Wohngruppen untergebracht. Bei den Fachleuten der Einrichtungen wurde das Angebot als notwendig und passend befunden. Jedoch: Die Rückmeldungen der Jugendlichen bestätigten zum Teil die Annahme des „Integrationsdrucks“. Um die Verwandten im Herkunftsland nicht zu enttäuschen, wollen die meisten schnell die deutsche Sprache erlernen und manchmal auch schnell Geld verdienen oder eine Ausbildung beginnen. Die psychischen Probleme werden nach einer Stabilisierungsphase aus der bewussten Wahrnehmung ausgeschlossen oder sind tabuisiert. Die Jugendlichen verbringen anscheinend sehr viel Zeit mit lernen, die Hauptfreizeitbeschäftigung ist Fußball.

Zahlen und Fakten

Das Projekt erreichte insgesamt 29 männlichen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus folgenden Herkunftsländern:
Afghanistan (11), Irak (6), Iran (4), Syrien (1) und in den letzten Wochen auch aus afrikanischen Ländern, je ein Jugendlicher aus Eritrea, Nigeria und Somalia. Ein Jugendlicher kam aus Mazedonien (im März).

Der Jüngste war 12 Jahre alt, 3 Jugendliche 14 Jahre, 4 Jugendliche 15 Jahre, 5 Jugendliche 16 Jahre, 7 Jugendliche 17 Jahre, 4 Jugendliche 18 Jahre und einer war 21 Jahre alt. Von 3 Jugendlichen gab es keine Altersangaben. Sie waren geschätzt zwischen 16 und 17 Jahren alt.

24 unbegleitete Jugendliche kamen aus dem arabisch-orientalischen Kulturraum. Der Hauptreligion, dem Islam gehörten 21 Jungs mit allen Glaubensrichtungen (sunnitisch, schiitisch, alevitisch) an. Es gab einen Jesiden und zwei Atheisten. Zwei Jugendliche aus den oben genannten afrikanischen Ländern ordneten sich der christlichen Religion zu. Von 5 Jungs gab es keine Angabe zur Religion.

Das Angebot wurde sehr unterschiedlich wahrgenommen, von regelmäßig bis unregelmäßig. Ein Jugendlicher war 17 mal dabei, zwei Jungs partizipierten 10 bis 11 mal, 13 Jugendliche nahmen 6 bis 8 mal teil, 7 Jungs waren 3 bis 4 mal dabei und 6 unbegleitete Jugendliche nur 1 bis 2 mal.
Ab Ramadan und vor allem in den Sommerferien verringerte sich die Verweildauer.

Perspektive

Die westliche Psychotherapie, die „muslimische“ Psychotherapie und „afrikanische“ Psychotherapie unterscheiden sich. Sehr gläubige Menschen wenden sich zuerst an Gott, Allah, Heiler (Götter, Geister, Kräuter), sie beten oder werden durch Heilungsriten gesund.

Interkulturelle Kunsttherapie bzw. Psychotherapie macht Fortschritte, eine gewisse Hilflosigkeit bleibt. Weiterhin werden Therapieformen erforscht, die der Kultur, Religion, der Denkweise und der Lebenssituation der therapiebedürftigen Menschen gerechter werden.

Ein Beispiel: Das Selbstbild ist nicht in allen Ländern so individualistisch wie in Deutschland/Europa, sondern von einer Gruppenidentität abgeleitet: „Ich bin, weil wir sind.“ (A. Olowu 1997)

Angesichts der zunehmenden Krisen unserer gesamten Zivilisation sind wir alle aufgefordert, der Verantwortung nicht auszuweichen. Weil: „ich bin, weil wir sind.“

Vielleicht gibt es irgendwann mehr Verständigung, mehr miteinander anstatt gegeneinander. Vielleicht wird der Wunsch nach Frieden und mehr Gerechtigkeit auf der Welt wahr.

Ein großes Dankeschön an:

Angelika Schwanhäußer, die das kunst- und ergotherapeutische Projekt durch eine großzügige Spende ermöglichte.
Elif Akcay, die als Kultur- und Sprachmittlerin mit ihrer Empathie und Kultursensibilität sowie ihrer beruflichen Erfahrung u. a. im psychosozialen Zentrum eine wertvolle und unentbehrliche Unter-stützung war.
Christine Freund, die von der Konzeption über die Ausführung, bis hin zum Projektende engagiert und sehr flexibel (bedarfsgerecht) das Angebot vor allem traumasensibel als Mittherapeutin begleitete.

Nürnberg, im Dezember 2016

Brigitte Höh (Kunsttherapeutin)/ Projektleitung und Dagmar Gerhard (1.Vorsitzende)